Strohgau1995
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Landschaftszerschneidung

Gefährdungsanalyse der anthropogenen Landschaftszerschneidung

(Diss ETH Zürich Nr. 13503)

von Jochen Jaeger

Zusammenfassung

Die ökologische Forschung hat in den letzten zwanzig Jahren eine große Zahl von Auswirkungen der Landschaftszerschneidung wissenschaftlich belegt. Betroffen sind insbesondere Tierpopulationen, so daß die Zerschneidung von Landschaften heute als eine der wichtigsten Ursachen des Artenverlustes gilt. Daß sich die besorgniserregenden Trends in der Ausdehnung der Siedlungs- und Verkehrsflächen trotz der Erkenntniszuwächse und der politischen Willenserklärungen für eine Trendumkehr ungebrochen fortgesetzt haben und weiter fortsetzen, signalisiert dringenden Handlungsbedarf.

Bei der Problemstellung der Landschaftszerschneidung besteht eine enge Verzahnung von naturwissenschaftlichen Sachverhalten, gesellschaftlicher Wahrnehmung, ökonomisch motivierten Nutzungsinteressen und ethischen Postulaten. Diese Problemzusammenhänge führen auf die transdisziplinäre Fragestellung: Wie lassen sich strukturelle Landschaftsveränderungen auf ihre Verträglichkeit mit ethischen Prinzipien und mit den Wertvorstellungen der von den Folgen betroffenen Menschen hin bewerten? Unter welchen Bedingungen lassen sie sich verantworten?

Die Arbeit ist in drei Teile gegliedert, in denen sehr verschiedene Methoden aus unterschiedlichen Disziplinen eingesetzt werden: Die Methoden im Teil I (Übertragung des Konzeptes der Umweltgefährdung aus der Umweltchemie) sind argumentativ konzeptuell, in Teil II (Entwicklung von Zerschneidungsmaßen) naturwissenschaftlich und in Teil III (Durchführung von Interviews und inhaltsanalytische Auswertung) sozialwissenschaftlich. Die Ergebnisse aus den drei Teilen werden über die folgenden fünf Leitfragen miteinander integriert:

  • Begriffsverständnis: Worin besteht "Landschaftszerschneidung", und auf welche Weise kann das Ausmaß der Zerschneidung beschrieben werden?
  • Erheblichkeitskriterien: Wie kann die Erheblichkeit von landschaftszerschneidenden Eingriffen und von verschiedenen Zerschneidungsmustern beurteilt werden?
  • Verantwortbarkeit: Welche Bedingungen müssen dafür erfüllt sein, daß landschaftszerschneidende Eingriffe und ihre Folgen verantwortbar sein können?
  • Umgang mit Ungewißheit: Welche Konsequenzen für das Bewertungskonzept sind aus der Überkomplexität der landschaftlichen Wirkungszusammenhänge und den Prognoseschwierigkeiten zu ziehen?
  • Zielvorgaben: Wie lassen sich überprüfbare Entwicklungsziele für die Landschaftszerschneidung formulieren und operationalisieren?

Jeder der drei Teile liefert einen spezifischen Beitrag zur Beantwortung dieser Leitfragen. Teil I gibt eine Übersicht über die Folgen der Landschaftszerschneidung, legt die Struktur der Bewertungsaufgabe dar und formuliert das Konzept der Umweltgefährdung. Anschließend wird das begriffliche Instrumentarium zur Beschreibung der Zerschneidung bzw. Fragmentierung der Landschaft vorgestellt (Perforation, Inzision, Durchschneidung, etc.).

Teil II stellt die bestehenden Ansätze zur quantitativen Erfassung der Landschaftszerschneidung vor und schlägt die neuen Zerschneidungsmaße Zerteilungsgrad D, Zerstückelungsindex S und effektive Maschenweite meff vor. Sämtliche Zerschneidungsmaße werden anhand von neun Eignungskriterien systematisch miteinander verglichen. Die neuen Maße werden auf zwei Untersuchungsgebiete angewendet ("Kreuzung Schweizer Mittelland" und "Strohgäu"/Baden-Württemberg). Die Ergebnisse zeigen vergleichend die Entwicklung der Landschaftszerschneidung in den beiden Gebieten während der letzten hundert Jahre.

Teil III untersucht die Wahrnehmungs- und Bewertungsmuster von Akteuren aus der Praxis, die an Abwägungen über landschaftszerschneidende Eingriffe und deren Vorbereitung beteiligt sind. Hierzu werden qualitative Interviews mit Expertinnen und Experten aus den drei Bereichen Verkehrsplanung, Naturschutz und Landschaftsplanung durchgeführt. Die Interviewergebnisse führen zu einer Beschreibung der Eingriffsabwägung, die sich auf die Sichtweisen der Befragten gründet. Diese Realität der bestehenden Sichtweisen ist die Grundlage für die Entscheidungsfindung durch die beteiligten Akteure und damit ausschlaggebend für die weitere Entwicklung der Landschaft – nicht eine "objektive" Realität des Landschaftswandels, welche Unbeteiligte von außen wahrnehmen würden.

Die Ergebnisse führen auf die Struktur eines "Zerschneidungszirkels", welche auf die Zunahme der Landschaftszerschneidung durch die Abkoppelung von nicht-handhabbaren Unsicherheiten aus dem Entscheidungsverfahren stabilisierend wirkt. Aufgrund dieses Prozesses, der sich als Immunisierung beschreiben läßt, haben schwer prognostizierbare Folgen der Eingriffe auf die Nahrungsnetze oder die genetischen Austauschbeziehungen sowie Summenwirkungen keinen hemmenden Einfluß auf das Fortschreiten der Landschaftszerschneidung. Um die Bewertung von Landschaftseingriffen angesichts der Überkomplexität von Ökosystemen und den daraus resultierenden "Tantalusproblemen" vorzuverlagern innerhalb der Kausalkette in Richtung des Eingriffs, eignet sich das Konzept der Umweltgefährdung (Scheringer et al. 1994). Das Gefährdungskonzept führt zu einem neuen Ansatz, in welchem die bestehenden Unsicherheiten entscheidungsrelevant werden und gegenüber der Fortsetzung des "Zerschneidungszirkels" an Einfluß gewinnen können. Entsprechende Bewertungskriterien finden bei den Befragten große Zustimmung. Die praktische Relevanz der neuen Zerschneidungsmaße D, S und meff liegt insbesondere in ihrem Einsatz in der Plan-UVP und in der Aufstellung von Landschaftsleitbildern. Angesichts der Ergebnisse erscheint die Formulierung regionsspezifischer Richt- oder Grenzwerte als eine sinnvolle und in methodischer Hinsicht mittelfristig realisierbare Maßnahme.

Literaturangabe

JAEGER, J. (1999): Gefährdungsanalyse der anthropogenen Landschaftszerschneidung. Diss ETH Zürich Nr. 13503 (Departement für Umweltnaturwissenschaften), 619 S.